Ulrich Raulff – Wie es Euch gefällt
Kompetenz für „Das Schöne“
Über Geschmack lässt sich nicht streiten, heißt es. Aber heißt es auch nur.
Denn, und hier setzt Ulrich Raulff auch grundsätzlich an, Menschen haben ein intuitives Gefühl für „das Schöne“. Zumindest beim Anblick von „modischen Dingen“. Wenn auch, und das ist ein interessanter Aspekt nicht immer, was den eigenen „Auftritt“ angeht.
Nicht alles steht jedem. Nicht alles, was gerade „en vogue“ ist, was in Medien, Social-Media, in Filmen oder Hochglanzbroschüren genau von denen getragen wird, die es gerade vorführen, sieht an manch anderem auf offener Straße unpassend, fast hässlich, nicht zum Typ passend aus. Wobei, auch das ein Aspekt, es nicht nur um die Hüllen auf Köpern allein geht, sondern auch auf eine gewisse Haltung, Ausstrahlung, die durch schöne Dinge noch betont werden kann. Und dazu kommt gar noch, in welcher Situation was gezeigt, getragen, wird. Overdressed und Underdressed, Wunderbare Strandmode passt eher nicht in eine Oper, das „kleine Schwarze“ nicht auf eine lockere Beach-Party. Könnte man meinen.
Es scheint so zu sein: guten und passenden Geschmack zu erkennen schont vielen breit gegeben. Intuitiv. Guten Geschmack selbst zu besitzen und umzusetzen eher weniger Menschen. Wobei natürlich auch Geschmack immer in Wandlung begriffen ist, sich wiederholte, abgelöst wird, erneuert wird und so weiter. Was heißt: Die grundlegende Intuition bleibt erhalten, ist aber immer mitgeprägt von der aktuellen Zeit.
Wer heute älter bereits ist und Bilder von sich oder älteren Prominenten aus den 70er Jahren betrachtet (wallende Haare und bunte Kleidung) oder in die 80er schreitet (riesige Schulterpolster und Seidenjogginganzüge), der mag sich für sich selbst ein wenig schämen, in der Zeit selbst aber trug genau jene „Aufmachung“ das eigene Ego hoch.
Grundlegend zunächst ist festzuhalten: „Geschmack ist nie sich selbst genug. Als genuines Kommunikationsphänomen verlangt er das Auge und die Schätzung des Betrachters“. Und dahinter steht am Ende eine innere, außen unsichtbare Bewertungshaltung, die die Erfüllung von Ästhetik mit tatsächlich intuitiv bewertet.
„Wie du kommst gegangen, so wirst du empfangen“ ist am Ende mehr als eine großmütterliche Weisheit aus den 50er Jahren.
Also: Nicht zu sehr „an den Rand“ rücken mit seinem Geschmack und doch dem Impuls folgend, Originalität auszustrahlen, das sind die Eckpfeiler der Mode durch die Zeiten hindurch. Bis hin zu den Möbeln und Accessoires der Zeiten.
All dem geht Raulffs mit spürbarer Begeisterung und profundem Wissen nach und legt vor Augen von Lesern und Leserinnen zunächst, wie sich Geschmack überhaupt entwickelte (aus der reinen Funktionalität von Kleidung der ersten Zeiten der Menschheit heraus), schaut in die Moderne, in der der Kapitalismus statt „offenkundigen Insignien der Macht“ über Kleidung, Uhren benutzten Dingen und Wohnkulturen den Status transportierte und zur Massennachahmung veranlasste. Um dann den „Sinn von alldem“ durchaus überzeugend argumentiert vor Augen zu führen.
Bis dahin, dass: „Der Sinn für Schönheit, der Sinn für Nuancen…so volatil er auch erscheinen mag, die Menschen, die ihm vertrauen, machen die Erfahrung, dass es jenseits von Politik und Moral eine Kraft gibt, die Welten in Bewegung setzt“.
Geschmack (vor allem guter und zu sich passender) machen „jede Seele reicher“.
Ein anspruchsvolles Buch, aber flüssig verfasst und gründlich in der Aufarbeitung des Themas.
Rezensent: Michael Lehmann-Pape
Autor: Raulff, U.
Titel: Wie es Euch gefällt
Verlag: C.H.Beck 2026
ISBN: 9783406837302
M,Lehmann-Pape 2026
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