Navid Kermani "Köln Eh Jeföhl" C.H.Beck Verlag 2026 Rezension

Navid Kermani – Köln E Jeföhl

Navid Kermani "Köln Eh Jeföhl" C.H.Beck Verlag 2026 Rezension

Navid Kermani – Köln E Jeföhl

Innenansicht eines überzeugten „Immigranten“

Navid Kermani – Köln E Jeföhl

Innenansicht eines überzeugten „Immigranten“

Liebe mit Sorgen. Oder verwurzelt in einem Köln, dass es vielleicht nicht mehr gibt. Oder nie gab? Auf jeden Fall kundig.
Das ist, was diese Sammlung an literarischen „Heimat-Texten“ von Nadim Kermani ausmacht.

Der schon mit vier Jahren „Fan“ war. Zumindest des „FC“. Und damit „leidensfähig“ aufgewachsen ist. Und genauso so, wie die wechselhafte Geschichte des FC Köln die Fans mitfiebernd, wütend, leidend, freuend, nie aber belanglos werden lässt, so betrifft es auch die Stadt und die Menschen, die in ihr Leben.
Immer schon. Oder zugezogen, oder zuziehend.
Und eigentlich, wie beim „FC“, kann man das fast über die Stadt und ihre Befindlichkeit(en) sagen.
Eine Menge an auch ruhmreicher und denkwürdiger Vergangenheit und eine, objektiv betrachtet, leicht triste oder trister, zumindest auf „fürs Gefühl“ schwieriger werdende Gegenwart.

Hierzu ist ein Blick auf eins seiner Gespräche mit dem Kölner Stadtanzeiger aus 2025, im Buch abgedruckt, ein guter Einstieg. Empathisch, wie Kermani alle Dinge in Kunst und Leben angeht, mit einem gewissen Verständnis, aber auch mit spürbarer Trauer und deutlicher Kritik schaut er auf die „Verwahrlosung“ der Stadt.
Den Müll. Den Dreck. Die „Besäufnis-Touren“, die in Hauseingängen, in den kleinen Parls, an allen Ecken und Ende nicht nur Müll, sondern auch reihenweise „menschliche Ausscheidungen“ hinterlassen. Derer die Stadt wenig Herr wird (oder nicht will?).
Und das an dem Ort, den er in Köln als Heimat empfindet, den Eigelstein.
Immer schon ein raues Viertel.
Aber geerdet.
Zu Rotlichtzeiten mit Härte, aber auch klaren „Ehren-“-Regeln.

Und nun aus dem Gleichgewicht geraten. Wie nicht wenig in Köln anbetracht wachsender Obdachlosigkeit und einer hohen Zahl an Menschen mit Migrationshintergrund.
Was Kermani sowohl in seinen „Eigelstein-Betrachtungen“, aber auch dezidiert im Blick auf die massiven Übergriffe der „Kölner Silvesternacht“ 2016 mit anderen bekannten Kölnern thematisiert.

Auch wenn immer und überall gilt: „Wir lieben Köln. Wie lieben die Vielfalt unserer Stadt, die Lebenslust…aber auch die Gastfreundschaft und Offenheit für Lebensformen“.
Aber das hat selbst für „Kölsche“ absolute Grenzen.

Die Realität also kommt vor. Kritisch. Samt Klüngel und Stadtarchiv.

Und dennoch, wenn Karmani über die Kunst der Stadt, die kleine und große, über die Kirchen, über die vertrauten Menschen, über seinen verstorbenen Buchhändler (der auch nach 28 Jahren als Buchhändler(!) nur gebrochen deutsch sprach spricht, wenn er durch die Gassen, Straßen und an den Rhein streift, dann spürt auch der „fremde“ Leser, was dieses „Gefühl“ ausmachte und auch heute noch, wenn auch bedrängt, noch ausmachen kann.

Und damit geht das Buch über den konkreten Ort hinaus. Denn vieles, was Kermani wie in einem Brennglas von Köln zu erzählen und zu „fühlen“ weiß, ist auch im Gesamten der gesellschaftlichen Entwicklungen in Deutschland festzumachen.

Am Ende tut es einfach auch gut, eine reflektiert, persönlich emotionale und kluge Stimme (mit Herz) im Buch zu lesen, die nie den Zeigefinger anklagend oder besserwisserisch erhebt, aber einfühlsam die neuralgischen Punkte offen legt.


Rezensent: Michael Lehmann-Pape
Autor: Kermani, N
Titel: Köln Eh Jeföhl
Verlag: C.H.Beck 2026
ISBN: 9783406850950

M.Lehmann-Pape 2026

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