Volker Reinhardt – Rousseau
Wie immer hervorragend
Volker Reinhardt – Rousseau
Wie immer hervorragend
Seit Jahren wendet sich Volker Reinhardt herausragenden Persönlichkeiten der Kulturgeschichte je in sorgfältig recherchierten, fundiert vorgelegten und in die Tiefe gehenden Biographien zu.
Mit der besonderen Gabe, seine Inhalte in Form und Stil sehr flüssig und wunderbar zu lesen vor Augen zu führen.
Da macht auch sein neues Werk keine Ausnahme, in dem er sich Jean-Jaques Rousseau zuwendet. Und dieser vielfältigen Persönlichkeit am Ende überaus gerecht wird.
Schriftsteller, Naturfreund und Naturforscher, nebenbei noch Komponist, hauptsächlich Philosoph und eine der zentralen Figuren der Aufklärung.
Der mehr und mehr seinen Fokus auf die „Suche nach der verlorenen Natur“ richtete. Eine natürliche „Ordnung“, eine „Verbundenheit“ des Menschen als Geschöpf zu Geschöpfen.
Damit setzte Rousseau eine ganz eigene Nuance im Reigen der Aufklärung.
Statt des rigiden und strikten „Verstandesdenkens“ als Hauptströmung der Aufklärung fließt in Rousseaus Betrachtung der Welt auch die Emotion, die Verbundenheit, die Hinwendung des ständig in Bewegung sich befindlichen Verstandes zur Ruhe der Natur mit ein.
Was sich auch in seiner dann gesellschaftlichen Analyse und Synthese mit niederschlug.
Dass der „Gemeinwille“ (nichts anderes als die inneliegende Verbindung der Menschen untereinander) nach Ausgleich und gerechter Verteilung der Ressourcen zu streben hat.
Womit er eine der Grundlegungen für die Französische Revolution als geistiges Gut prägte.
Dass er dabei, anderes als so manche anderen „großen Denker“, auch sich selbst schonungslos reflektierte und zu teils harter und harscher Selbstkritik griff (in seiner eigenen Autobiographie „Bekenntnisse“ klar vor Augen gestellt), zeigt am Ende die Grundlagen seines zentralen Denkansatzes.
Durch die Wahrheit über sich und die Dinge „zurückzufinden“ zum harmonischen und aus-balancierten (eigentlich idealen) „Verbunden-Seins“ mit sich, der Schöpfung und den „anderen“.
Reinhardt geht der gesamten Entwicklung und Wirkgeschichte Rousseaus dabei nach.
Dabei legt er bereits in den ersten Kapiteln offen, dass das spätere kritische Denken Rousseaus, seine Betonnung von Verbindungen, schon in Kindheit und Jugend wohl geprägt wurde.
Angesichts des selbst erlebten Verfalls der eigenen Familie, den sozialen Absturz in und durch ungerechte Verhältnisse.
Mitsamt emotionaler Belastung des eigenen „Urvertrauens“ durch den frühen Tod Mutter und die ein oder andere Enttäuschung durch seine „Wahlmutter“, Madame de Warens.
Aber auch, ebenfalls schon früh, war zu erkennen, dass „Fühlen“ für Rousseau sein Leben lang eine starke, impulsive, manchmal kaum zu beherrschende Kraft war.
Das „Gefühl zu erziehen“, so legt es Reinhardt nahe, ist daher eine wesentlicher Antrieb Rousseaus auf der „Suche nach dem Glück“.
Mit seiner Person voller Widersprüche und nur beherrschbarer emotionaler Zustände, mit seinen verschiedenen „Fachrichtungen“, aber auch seiner ständigen Sehnsucht nach Vereinigung und „Ganzheit“.
In einer Biographie, die auf jeder Seite das weite Wissens Reinhardts über sein „Objekt“ bezeugen und im Verlauf der Lektüre man tatsächlich Vertrautheit mit Rousseau entwickelt.
Rezensent: Michael Lehmann-Pape
Autor: Reinhardt, V.
Titel: Rousseau
Verlag: C.H.Beck 2026
ISBN: 9783406842955
M.Lehmann-Pape 2026
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