Frank Tallis "Die Seele suchen" btw Verlag 2026

Frank Tallis – Die Seele suchen

Frank Tallis "Die Seele suchen" btw Verlag 2026

Frank Tallis – Die Seele suchen

Sigmund Freuds Leben „um jeden Preis“

Frank Tallis – Die Seele suchen

Sigmund Freuds Leben „um jeden Preis“

Es ist Zufall und bei der Entstehung des Werkes nicht abzusehen gewesen, welche Veränderungen just im Augenblick sich für die Psychotherapeutenlandschaft und ihre Patienten im Rahmen der Reformen der gesetzlichen Krankenversicherung auftun.

Aber wie die Faust aufs Auge, passt und spricht das Buch in die gegenwärtige Lage.
In der seit langer Zeit bereits Menschen mit „seelischen Problemen“ lange auf eine hilfreiche Behandlung bereits warten mussten.
Und nun mit einem gesamten Berufsstand nicht nur zu sparenden Kosten gegenüber an Wertschätzung wiederum verlieren.

Dass aber Menschen neben ihren „körperlichen Funktionen“ auch innere Dispositionen in sich tragen. Dass äußerer Druck und Stress sich seelisch und dann wiederum körperlich manifestiert, das erschließt sich aus dieser hervorragenden biographischen Darstellung der „Erfindung“ der Psychoanalyse (und damit der Betrachtung seelischer Leiden an sich) durchweg.

Auch wenn Freuds Grundlegungen und seine Methode im Lauf der Jahrzehnte kritische Veränderungen, Widerlegungen, auch die Entfaltung ganz anderer Ansätze und Methoden erfahren hat, seine Person und Werk sind grundlegend mit allem modernen, psychologischen, psychiatrischen und psychotherapeutischen Wissen verbunden.

Wobei es Tallis dezidiert gelingt, nicht nur die Person und das Werk Freuds sachgerecht vor Augen zu stellen, sondern Freud als „Kind seiner Zeit“ und in der Prägung seiner persönlichen Welt im Wien jener Tage verständlich und flüssig lesbar darzustellen.
Als „vom Fach“ (Tallis ist Psychologe) und literarisch geübt (er ist ebenso Romanautor) treffen hier beide Fähigkeiten bestens zusammen.

Dass Freud sich hierbei als (man könnte fast sagen, wie jeder Wissenschaftler oder Künstler) massiv auf sich fixiert facettenreich vor Augen geführt wird, dass sein Ehrgeiz, aber auch seine Besessenheit von seinem Thema an nicht wenigen Orten kaum für Sympathie gesorgt haben (damals wie heute) und auch enge Verbindungen zu Schülern und Weggefährten (wie die zu C.G.Jung) im Streit und Zerwürfnis endeten, lässt diese schillernde Persönlichkeit überaus fassbar und lebendig vor Augen treten.

Wie auch die Verwobenheit der Herkunft Freuds und seiner Zeit eine starke Rolle für die Prägung seiner Person und auch sein Werk breit im Buch gewürdigt werden.

„Er selbst habe sich weiter durchgeschlagen und in ungekanntes Terrain aufgemacht“.
„In Wien wurde ich gemieden“.
Was Freud nicht entmutigte, sondern vielleicht noch mehr diese Seite seiner Person, „es den andern zu zeigen und nicht zu weichen“ verstärkt ins Leben stellte.

Ame Ende sind Leser und Leserinnen umfassend informiert über die Atmosphäre der Zeit, die Entfaltung der Psychotherapie aus dem Feld der Neurologie heraus, über die kantige und wenig Rücksicht nehmende Person Freuds, über seine Theorien und deren Umsetzung in Freud praktischer Arbeit, aber auch über die Brüche innerhalb dieser Person und auch innerhalb seines Werkes.

Eine sehr zu empfehlende Lektüre.


Rezensent: Michael Lehmann-Pape
Autor: Tallis, F.
Titel: Die Seele suchen
Verlag: btb 2026
ISBN: 9783442763375

M.Lehmann-Pape 20206

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