
Etwas verzweigt zu lesen
Das stellt man sich in den schlimmsten Alpträumen nicht vor. Dass man vorsichtig ist, gewarnt, sich eine ganze Reihe von Prepaidkarten schon besorgt hat, weil scheinbar da draußen jemand ist, der digital einem weit überlegen zu sein scheint und ständig die neuen, noch unbenutzten Nummern vor einem selbst zu kennen scheint und munter Nachrichten schickt.
Bedrohliche Nachrichten.
Und zu Recht fürchtet sich Silje. Denn das ist kein harmloser Spaß. Als sie die letzte Nachricht innerhalb ihrer verriegelten Wohnung liest, verschwindet sie. Einfach so.
Und damit ist sie nicht alleine. Nicht nur, was ihr Verschwinden angeht.
Doch die Polizei ist auch nicht von gestern, was die digitale Welt, die digitalen Verbrechen und die Möglichkeiten der Gegenwart angeht, jeden und alles aufzuspüren und verfolgen zu können.
Naia Thulin setzt sich auf die Spur desjenigen, der Siljes Handy mit Nachrichten „gefüttert“ . Sie weiß, die Zeit drängt. Denn schon mindestens einmal gab es ein ähnliches Verhalten, ähnliche Nachrichten auf einem Handy. Mit brutalem Ende.
Und wieder führt ihr Weg in die Zusammenarbeit mit Mark Hess, Europol Ermittler und Fachmann für schwierige und auf den ersten Blick kaum lösbare Verbrechen. Vor allem, wenn ein Mörder sein Unwesen treibt, der sich mit einzelnen Opfern nicht zufrieden geben wird.
Doch obwohl es zeitlich drängt, der Erzählstil des Thrillers ist doch eher ruhig, fast gemächlich und breit angelegt. Es dauert, bis man einen gewissen Überblick über die Personen und ihre Bedeutung im Fall erlangt. Was sich erst zum Ende hin in Tempo und Spannung dann, dann aber deutlich, steigern wird. Bis klar wird, wie alles mit allem und jeder mit jedem in Verbindungen steht. Und was das mit jenem Vogelnest zu tun haben könnte, das eine Schüler bei einem Klassenausflug entdeckt.
Bevor er noch über etwas ganz anderes im Wasser stolpert.
So treffen Leser und Leserinnen einerseits auf eine gelungene, bedrückende, Atmosphäre, in der es keinen Schutz zu geben scheint, wenn jemand erst einmal in das Visier geraten ist und die ersten Fotos und Nachrichten auf dem eigenen Handy erscheinen.
Andererseits ist dafür einiges an Wegen im Buch abzulaufen und auch einige Längen hinter sich zu bringen, bevor langsam ein Bild aus all dem wird und die Ereignisse wirklich Fahrt aufnehmen.
Rezensent: Michael Lehmann-Pape
Autor: Sveistruop, Sören
Titel: Der Kuckucksjunge
Verlag: Goldmann 2026
ISBN: 9783442317943
M.Lehmann-Pape 2026

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