
Präzise sezierende Darstellung autokratischer Gelüste der Gegenwart und jüngeren Vergangenheit
Präzise sezierende Darstellung autokratischer Gelüste der Gegenwart und jüngeren Vergangenheit
Ein wenig täuscht der Titel des Essay-Sammlung, den er könnte so verstanden werden, dass es nur um aktuelle Geschehen gehen würde. Doch, zum Glück, das sei gesagt, ist das nicht so, denn einige Erinnerungen an persönliches Erleben des Autors reichen durchaus einige Jahre in die Vergangenheit zurück. Und bieten somit einen reflektierten und guten Blick darauf, dass die Ziele und Methode jener, die „das Sagen haben wollen“ sich wie ein roter Faden durch die jüngeren Zeiten ziehen. Und damit nicht eine „Momentaufnahme“ einzelnen Machstrebens sind, sondern System besitzen.
Am Ende wird damit klar, dass es nicht (nur) darum gehen kann, einzelnen Personen gegenüber misstrauisch zu sein und Widerstand zu leisten auf deren Weg, Unfreiheit für viele zu Gunsten einzelner Realität werden zu lassen, sondern eine bestimme Haltung immer wieder zu identifizieren und diese systemische Haltung höchst kritisch öffentlich werden zu lassen.
„Im Lauf der letzten drei Jahrzehnte haben die Politiker der westlichen Demokratien sich gegenüber den Tech-Konquistadoren ganz wie die Azteken des 16. Jahrhunderts verhalten“, sie „unterwarfen sich in der Hoffnung, ein wenig Feenstaub werde auch sie niedergehen“.
Und, wie in einigen der autobiographischen Essays zu lesen ist, das ist noch lange keine Haltung, die nur mächtigen Tech-Unternehmern gegenüber eingenommen wurde und wird. Die Gegenwart zeigt ja überdeutlich auf, wie schwer in der modernen „alles-mit allem-vernetzten“ (Wirtschafts-) Welt entschiedene Gegenhaltungen und Widerstand sich tun.
Da ist es (fast, wenn das Thema nicht so ernst wäre) eine Freude, den Ausführungen Da Empolis zu folgen. Denn eines wird Überdeutlich: Unterwerfung und Appeasement haben noch nie üble Folgen verhindert oder Machthunger „eingezäunt“.
„Wie bei Moctezuma hat die Fügsamkeit unserer Regierungsvertreter zur Sicherung ihres Überlebens nicht ausgereicht“. Immer wieder, teils verdeckt und indirekt, aber immer stringent, setzten die „Konquistadoren“ schrittweise ihre Herrschaft durch. Bis jetzt. Wo die „Stunde der Raubtiere“ ganz offen und ungehemmt „geschlagen hat“.
Sei es Surkow, der formulierte: So stabil eine Gesellschaft auch erscheinen möge, ohne Intervention von außen produziere sie in ihrem Inneren Chaos“. Was man auf Russland beziehen kann und das offenkundige erste Opfer dieser Analyse Surkows ist die Ukraine. Denn wenn Chaos beginnt innerhalb, braucht es fast zwingend einen Gegner und „Sündenbock da draußen“, um ablenken zu können.
Oder auch die real-Werdung jener „Purge“ Horrorfilme, die sich quasi in kaum verdeckter Form vor den Augen der Welt aktuell in Nordamerika vollzieht.
„Die Idee eines Tages, an dem Regeln außer Kraft gesetzt sind…hat den Trump Anhängern mächtig gefallen“. Bis hin zur „Kettensäge“, die Musk ja ganz real vor laufenden Kameras geschwungen hat. So kommen, weist Da Empoli präzise auf, die „innovativen Ideen“, und das sind jene zerstörerischen Ideen durchaus, nicht mehr aus dem Zentrum einer Gesellschaft, sondern mehr und mehr von (radikalen) Rändern. Als wäre eine „Lust and er Zerstörung, am Chaos“ gerade einfach en vogue. Wichtig dabei ist und bleibt einfach, die Strategie, das System des „Informationskrieges“ endlich auch breit zu verstehen, um gegenhalten zu können.
Wofür Da Empoli Seite für Seite und Situation für Situation nutzt, mit dem Finger genau auf jene Entwicklungen und Motivationen zu zeigen.
„in der Stunde der Raubtiere sind es nicht mehr die Machthaber der früheren Peripherie, die den unseren (im ehemaligen Zentrum) nacheifern, vielmehr sind es die westlichen Machthaber, die andernorts entsprungene Züge annehmen“.
Ein wichtiges, erhellendes, aufschreckendes Buch.
Rezensent: Michael Lehmann-Pape
Autor: Da Empoli, G.
Titel: Die Stunde der Raubtiere
Verlag: C.H.Beck 2026
ISBN: 9783406838217
M.Lehmann-Pape 20205

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