Helene Bukowski - Wer möchte nicht im Leben bleiben - Ullstein Verlag

Helene Bukowski – Wer möchte nicht im Leben bleiben – Rezension

Helene Bukowski - Wer möchte nicht im Leben bleiben - Ullstein Verlag

Helene Bukowski – Wer möchte nicht im Leben bleiben

Fortschreitende Verzweiflung

Von außen betrachtet hat Christina ein begabtes Leben vor sich.
Und geht alle Schritte, die es benötigt, diese Begabung ins Leben auch zu bringen.

Aber, da ist ein familiäres, inneres Erbe, eine Prägung, die sich nicht abschütteln lässt im Leben.
Und da ist eine „System“, dass nur „nach vorne, nach vorne“ kennt, das drillt, das genau auf jene „künstlerische Seele“, die immer auch empfindsam ist, sein muss, keine Rücksicht kennt.

Und da ist eine innere Disposition, die wie ein Wurm die Lebenslust, Lebensenergie, Lebensfreude frisst.

Momente, die Helene Bukowski durchweg. Vor Augen führt.
Achtsam. Empathisch. Sensibel und mit emotional dichter Sprache.

Denn diese Christina wird ihrem Leben selbst ein Ende setzen.

„Wieder vergeht die Nacht, ohne dass du Schlaf findest. Mit diesem schlaflosen Körper fährst du am nächsten Tag nach Leipzig“.

Begleitet vom Vater, der früh das Talent der Tochter sieht und in dieser, ohne das zu reflektieren, eine Stellvertreterin eigener, nicht erfüllter Lebensträume und -Wünsche sieht.

Der das Seine im Vordergrund hat und auf die Tochter wirft, statt der Tochter gerecht zu werden, von früh an. Als Sänger mit Ambitionen gestartet, als Musikschullehrer dann im Leben gestrandet.

Wobei Bukowski das in ihrem Roman nie als Vorwurf formuliert. Auch nicht an „das System“.
Sondern einfach dem äußeren Leben Christinas nachgeht, immerzu Fragen stellt und damit das Innenleben ihrer Protagonisten schmerzhaft fühlbar und nachvollziehbar in den Raum der Seiten stellt.

Als dann, in der Fremde, mehr und mehr das in den Raum tritt, was man heutzutage selbstverständlich als „Depression“ kennt, was damals aber (noch) keinen Platz im öffentlichen Leben hatte, beginnt die Spirale des Drucks nach unten zu drücken. Mehr und mehr.

Mit, so könnte man vermuten, schweren psychosomatischen Begleiterscheinungen.

Bis dieser talentierte Mensch, der in der Spannung zwischen innerer Freiheit von Kunst und Talent und beständigen äußeren Erwartungen und Druck beginnt, zu zerbrechen.
Was kulminiert, als sie eine einzige Herausforderung nicht besteht.

Ein emotional dichter Roman. Eine präzise nachfühlbare Entwicklung der „inneren Entgleisung, die Leser und Leserinnen am Ende mitten hineinnimmt.

Bukowski gelingt es umfassend, die Gefühle und die zunehmende Verzweiflung Christinas mitzuempfinden.
Und noch mehr.
Denn auch die Hilflosigkeit der Menschen um Christina herum wird sehr präsent nach der Lektüre hinterlassen.

Ein großer Wurf.

Rezensent: Michael Lehmann-Pape
Autor: Bukowski, H.
Titel: Wer möchte nicht im Leben bleiben
Verlag: Ullstein 2026
ISBN: 9783546101585

M.Lehmann-Pape 2026

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