Herbert Grassmann , Larissa Grassmann – Die polyvagale Hausapotheke

Sperriger Titel, aber verständliche und hilfreiche Möglichkeiten, die Ruhe zu bewahren

Wer kennt es nicht? Dass die Nerven „zu Fuß gehen“? Dass die Laune im Keller, der Ärger spürbar, der innerlich stabile Stand nur noch Erinnerung ist?

Die gute Nachricht ist, es gibt Möglichkeiten der Selbstregulierung, die weder hohes Fachwissen noch den Gang zu Profis benötigt, um sich wieder selbst „einfangen“ zu können.

Herbert und Larissa Grassmann bieten, im Anklang an Möglichkeiten  und Methoden der integrativen Körpertherapie, „Körperübungen“, mit welchen das Befinden und die gesamte Persönlichkeit wohltuend beeinflusst werden können.

„From muscle to brain“ wäre dabei die Maxime. Bis dahin, mit „Körper und Nervensystem Sicherheit (wieder) zu finden.

Allerdings, vorweggesagt, am Ende ist dies ein Übungsbuch, keine intellektuell anregende Lektüre, die es dann allein durch Lesen und Verstehen „von alleine“ tun würde. Mit dem Vorteil allerdings, dass mögliche Übungen gut beschrieben, gut anzueignen einfach und schnell umzusetzen sind.

Wobei die Autoren die polyvagale Theorie Stephen Proges zu Grunde legen. Dass neben dem „Sympathikus“ (zuständig für Anspannung) und dem „Parasymatikus“ (zuständig für Entspannung) ein „zusätzlicher Ast des Vagusnerves“ als für das Sicherheitsempfinden zuständig sich erweist.

Wobei bei der Lektüre das fast perfekte Bild eines „Body-Guards“ zentral auftauchen wird. Der in der Lage wäre, das „System“ vor Wanken und innerer Auflösung zu schützen. Auf eine bestimme Weise, welche die beiden Autoren Schritt für Schritt, begleitetet durchweg von theoretischen Grundlegungen, vor Augen führen.

Wichtig für den „Bodyguard“ dabei ist vor allem, „klare Daten“ zu erhalten. Verwischte Impulse, ungerichtete Gereiztheit und vieles mehr sind dabei „Verwirrungen“, die den „Bodyguard“ mal lieber vorausschauen den „roten Knopf“ drücken lassen. So dass, auf Dauer, statt „Schutz“ eher „Panik“ in das innere System gelangt.

Wobei eine Reihe von körperlichen Haltungen (sich aufrichten, Augenlinien finden, Mikrobewegungen vollziehen, die immer wieder in die Mitte dann führen, sich auspendeln, das „Zentrum“ erspüren, bis hin dazu, Gefühle in „Bewegungen“ zu bringen und auch in einen gesprochenen Dialog mit sich selbst zu treten und einiges mehr. Was alles  seine Wirkung nicht daraus erzielt, sich „abzulenken“ vom inneren Ärger oder starker Nervosität und Alarmbereitschaft, sondern das, was vorgeht, sowohl körperlich wie auch gedanklich und sprachlich zu zentrieren und damit „Klarheit“ herstellen zu können, was gerade wirklich vorliegt.

All dies ist kein intellektueller Prozess, sondern eine „Arbeit des Körpers“ zur Findung einer klaren Mitte (ähnlich des „Felt Sense“ bei Eugen T. Gendlin). Durch die Bewegungen und Haltungen des Körpers entsteht eine innere Struktur, die konzentriert zur Beruhigung führt.

Sprachlich in vielen Begriffen auf den ersten Blick eher fremd anmutend, ergibt sich im Lauf der Lektüre jedoch ein klares Bild darüber wie im und durch den Körper die hektischen und sehr in Verwirrung führenden Alarm- oder Fluchtgefühle zur Beruhigung kommen können und darin dann die realen „Fakten und Daten“ eine Chance haben, sich zu strukturieren und mit innerer Stabilität dann Situationen angegangen werden können.

Eine interessante Lektüre mit vielen neuen Impulsen.

Rezensent: Michael Lehmann-Pape

Autor: Grassmann

Titel:  Die polyvagale Hausapotheke

Verlag: Carl Auer 2026

ISBN: 9783849706074

M.Lehmann-Pape 2026


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