Odd Arne Westad "Der kommende Sturm" KLett-Cotta Verlag

Odd Arne Westad – Der kommende Sturm

Odd Arne Westad "Der kommende Sturm" KLett-Cotta Verlag

Odd Arne Westad – Der kommende Sturm

Wie sich Geschichte drastisch wiederholen könnte

An einer Stelle bemerkt Westad zu Recht, dass die Zahl jener, die sich noch aus eigener Erfahrung heraus an die Zerstprung, Not und zig-milionenfachen Toten des zweiten Weltkriegs gen Null inzwischen tendiert. 
Und das gerade jenes Erleben in den Menschen, auch in denen, die Verantwortung trugen, massiv dafür gesorgt hat, die Welt anders zu bauen, die Schrecken des Krieges nie wieder erleben zu wollen. Inklusive des „kalten Krieges“, der als „Abschreckung“ am Ende ja konzipiert war.

In nun wieder geschichtsrevisionistischen Zeiten. Zeiten, in denen Meinungen laut und aggressiv mehr ausgetauscht werden, als sich auf Fakten besonnen wird, da ist es anscheinend schwierig, dieses tragende Wissen von Kriegserfahrungen als Leitlinien des Handelns noch gesetzt zu wissen.

Mehr noch, galt über Jahrzehnte ein Atomkrieg als „Ende der Menschheit“, mehren sich in den letzten Jahren durchaus Stimmen, die diesen als „begrenzbar“ versuchen, darzustellen. Als eine „Option“.

Nicht nur dies, viele andere Merkmale der Gegenwart, Haltungen, Revisionen von globalem Handeln, Einführung von Zöllen, Abschottung statt Offenheit, Fremdenhass und „verschlossene Türen“ künden von einem wiederkehrenden „Wir zuerst und für uns“ Isolationismus.

Dies, aber auch an sehr einprägsamen, markenten und sehr verständlich und überzeugend vorgetragenen (am Ende ganz erstaunlichen) Prallelen nimmt Westad auf. Und geht über 100 Jahre in die Geschichte zurück. Denn nicht im zweiten Wertkrieg und seinem Vorlauf sieht Westad eine fast identischen politische „Weltlage“ nun wieder erstarken, sondern der Weg in den ersten Weltkrieg und die Entwicklungen in den Jahrzehnten davor lässt ihn mahnend seine Stimme mit diesem Werk erheben.

Und das immer differenziert, nie laut, nie als „Untergansprophet“ sich gerierend, sondern schlicht belegbare Fakten um Fakten vor Augen führend.

Und es ist zu vermuten, dass in der Breite der Betrachtungen allein schon die erstaunliche Parallele der politischen Einigung und des wirtschaftlichen Aufstiegs Deutschland (die zu Besorgnis, Allianzen, Polarisierungen in Europa führte) im Vergleich zur Entwicklung Chinas in den letzten 35 Jahren nicht breit und umfassend allgemein vor Augen liegt.

Ein Geschehen, das ein wesentliches Zahnrad allerdings des „Schlitterns“ in den „großen Krieg“ war.
Ebenso, wie damals eine „globale“ (wenn auch kolonial geprägte) Weltwirtschaft mit Britannien als „globale Supermacht“ erst durch Zölle (schau an), dann durch gegenseitige Allianzen und „Besinnung allein auf sich“ zerfasterte und zersplitterte.

Wenn dann noch dazu kommt, dass einflussreiche Kreise die neuen, modernen, technisch fortgeschrittenen Waffen (die noch einige Jahre zuvor als „das darf nie eingesetzt werden“ bewertet wurden) mehr und mehr als „gangbare Mittel“ eigener Stärke bewertet wurden und die aufstrebenden neuen Mächte die eigen Größe in Gefahr brachten (und deren Denken wiederum nur um die Ausdehnung eigener Macht, Ressourcen und Stärke sich drehte) und Demagogen zunehmend Gehör fanden (auch bei einflussreichen Menschen), dann ist dies eine tatsächlich erstaunliche, in den Abläufen fast eins zu eins sich vor aller Augen gestaltende Entwicklung, die Westad mit großer Sachkenntnis bis in Feinheiten hinein als Bild aufzuspannen versteht.

Wozu am Ende sogar der „Flächenbrand im Nahen Osten“ aktuell wie die Faust aufs Auge noch passt. Denn dieses Gebiet ist zentral für fast die gesamte Weltwirtschaft und ihren Hunger nach Energie und könnte der berühmte Funke sein, der jedes Fass zum Überlaufen bringt. Bei inzwischen jeder Menge Funken weltweit, die bereits in der Luft sind.

So kann man am Ende dem Aufruf Westads uneingeschränkt zustimmen, dass die wesentlichen Krisen der Gegenwart, trotz schwierigster, weil weltweit konfrontativer Umstände, entschärft werden müssen.

Damit der Blick in die Jahre 1900 bis1913 historisch bleibt. Und nicht für die Gegenwart die unmittelbare Zukunft als Blaupause vorwegnimmt. Denn der „kommende Sturm“ zeigt sich bereits in einer Vielzahl sich aktuell verstärkender „massiver Unwetter“.


Rezensent: Michael Lehmann-Pape
Autor: Westad, Odd Arne
Titel: Der kommende Sturm
Verlag: Klett-Cotta 2026
ISBN: 9783608967159

M.Lehmann-Pape 2026

Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert