Petra Palumbo – Flüsterzeit
Zeitgeschichte im familiären Mikrokosmos, die nahe kommt
Am 2. Juli 1870 wird Sidon Nikolaus Mannog geboren. Man kann sagen, auch heute noch, mitten auf dem Land, Neckarnähe, ein gutes Stück noch bis Stuttgart. Aber mit einem großen Schloss und hohen Herrschaften durchaus verbunden. Dessen, aber nicht nur dessen, Geschichte im Roman, eng verbunden mit Landschaft und „Heimat“, erzählt wird.
In einer Zeit, die überaus fern ist, aber in manchen Momenten nahekommt. Und auch im Lauf des Buches, das sich über drei Generationen zieht, ja an die jüngere Geschichte durchaus noch heranreicht. Und in deren Geschichte im Blick auf die große Familie es nicht im Landkreis Tuttlingen bleiben wird. Was an den Linien der Zeit selbst liegen wird, was erzwungene Trennungen mit sich bringt und was, am Ende der Lektüre, ein bildkräftiges Panorama von Landschaft, Mentalität und Atmosphäre jener Zeiten in sich tragen wird.
Menschen, Lebensgeschichten, Orte, Landschaften, Umstände der Geschichte und Zeit, die Leser und Leserinnen stetig und durchgehend in diese Familienhistorie (mit autobiographischen Zügen der Autorin) umfassend hineinziehen wird.
„Der Vikar fuhr nun ebenfalls aus der Haut. „Sei gewahr, Sünderin, sei gewahr! Was ist das für ein Blick? Was suchst du in den Schubladen? Bist Du am Ende gar eine Hexe?““.
So wird die alte Bäuerin mit der ins Gesicht eingegrabenen Bitterkeit angefahren. So ist der Umgangston zwischen „Herrschaften, Geistlichen und einfachem Volk“. Das sich einfach nur zu kümmern hat. Und das nicht nur um seinen eigenen Kram, sondern natürlich auch um das Wohlergehen (und das Portemoaie) der Herrschaften im weltlichen und geistlichen Stand.
„Der Vikar erkannte die Frau, die einst mit beiden Beinen im Leben gestanden hatte….nicht mehr wieder. Es war nichts mehr da“.
Wobei sich um das Volk schlicht nicht gekümmert wurde. Wie sich zeigen wird, als Missernten und andere Schicksale die Großfamilie Mannog an den Rand des Ruins trieben wird. So sehr, dass ein Verbleiben aller Mitglieder in der Region nicht mehr möglich sein kann, ohne dem Hungertod entgegensehen zu müssen.
Und die Familie ist dabei beileibe nicht die Einzige, die in größte Not gerät.
Es sind Zeiten, in denen an anderen Orten halb Irland auswandern musste, weil Missernten das Leben unmöglich machten. Zeiten, in denen nicht Fernweh an Urlaubsorte zogf, sondern wirtschaftliche Note in die Fremde trieb.
Was aber, und das ist eine Stärke es Romans, dieser sich nicht verzettelt in zu viel ausführliche Erzählfäden an verschiedenen Orten zugleich, sondern der Brennpunkt ist und bleibt die „alemannische Landschaft“, ohne die einzelnen Mitglieder der Familie „in der Fremde“ aus den Augen zu verlieren. Gerade deren innere Verbundenheit mit der Region und den Ihren ist das tragende Element des Romans, der den Zeitraum von 1879 bis zum Vorabend der Machtergreifung Hitlers 1932 abdeckt.
Und der, neben der klaren und tiefen Schilderung des harten Lebens jener Zeit auch viel Raum lässt für Bindungen in der Familie, Heimweh, Kampf um die Heimat und dabei durchgehend in Sprache, Dialekt und Sitten jene Zeiten auch emotional überaus lebendig werden lassen. Am Ende weiß man so unter andrem auch, welche Bedeutung und Stellenwert „Tobler-Schokolade“ ganz nebenbei damals und dort einnahm.
„Es muss sehr interessant sein in Europa“.
„Na ja! In Unterschwandorf eigentlich nicht“.
Aber eben dort steht das Haus, in dem Ott gewohnt hat. Das Haus, in dem eine Mutter und ein Vater gelebt habe. Es ist. Am Ende, einfache eine tiefe, innerlich unlösbar verbundene, Heimat.
Und darum geht es. Im Roman. Am Ende aber auch, und das mag so verwässern in modernen Zeiten, für jeden und jede.
Eine schöne und interessante Lektüre.
Rezensent: Michael Lehmann-Pape
Autor: Palumbo, P.
Titel: Flüsterzeit
Verlag: Stadler Verlag 2026
ISBN: 9783797707970
M.Lehmann-Pape 2026https://rezensionsseite.de/
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