Pierrot Raschendorf – Die neue Höflichkeit
Was zueinander bringen kann in trennenden Zeiten
Raschendorfs Wort in Gottes Ohr!
Das kann und sollte sogar der erste Gedanke vor der Lektüre beim Lesen des Titels, aber auch der übrigbleibende Gedanke nach der Lektüre bei verständigen Lesern und Leserinnen sein.
Denn während Politiker händeringend nach Reformen noch und nöcher Ausschau halten (und natürlich, vielleicht sogar vor allem, um das eigene Überleben „an der Macht“ ringen), nicht wenige Teile der Welt in Gewalt und Krieg versinken, der technische Fortschritt den Menschen abzuhängen droht (und seine Macher allem irdischen, zumindest geltenden Konventionen und sozialer Verbindung zur großen Gemeinschaft entrückt).
Mithin die Welt in der Breite Disruptionen erlebt, bietet Raschendorf einen einfach klingenden, aber überzeugenden Ansatz und Vorschlag, der einfach getan werden kann.
„Wie wäre es mal (einfach) mit Höflichkeit“?
Jener unterschätzten, aber einzuübenden Tugend, die der Menschheit nicht in den Schoß gefallen ist, aber als „Mittel zum Miteinander“ das Miteinander geregelt hat.
Dieses Miteinander erträglicher, konstruktiver, gelingender gerahmt hat.
Adolph Knigge hat zu Zeiten kein Buch über „Zwangs-Benimm-Regeln“ verfasst, sondern seine Überzeugung war, dass „Regeln des Umgangs ein Zusammeneben ermöglichen, dass mehr als Koexistenz bedeutet“
Mit unschätzbaren sozialen Folgen, die (wenn auch manchmal äußerlich gezwungen) Respekt vor der Person anderer in sich trug. Auch wenn man Haltung und Überzeugungen nicht teilte.
Angesichts vielfach aggressiver Grundstimmungen, rasch erblühender körperlicher Gewalt, mit feindseligem Verhalten allen und allem gegenüber, deren Nase nicht passt oder die nicht umgehend dergleichen Meinung sind ein vielleicht schwieriger, oft scheiternder Versuch.
Aber ein überzeugend dargelegter Gedankengang Raschendorfs, der vor allem durch eines besticht: Jeder und jede kann das. Einfach. Tun. Jetzt.
Die Lektüre des Buches kann, nimmt man Raschendorfs Argumentation ernst und an, zu einer freiwilligen Einsicht und einer daraus folgenden Haltung werden.
In der Besinnung darauf, dass Kooperation die Menschheit am Ende hat sich entfalten lassen. Und nicht Gewalt und Krieg, die eher Rückschläge in der Entwicklung darstellten.
Raschendrof geht dabei deutlich über den common sense „privater Umgangsformen“ hinaus. Er sieht den öffentlichen Diskurs, den politischen Umgang nicht nur mit, sondern vorangehend in der Pflicht (der Fisch stinkt immer vom Kopf her, heißt es nicht nur).
Statt „identitärer Zuschreibungen“ (Widerspruch in der Sache gleich Kränkung, gleich persönlicher Angriff, gleich Feindschaft) eine Besinnung und neue Entfaltung der Trennung von sachlichen Differenzen und persönlichen Empfindungen.
„Es geht darum, wie ein Leben in Vielfalt gelingt (überhaupt gelingen kann)“
Und das ist tatsächliche jede Zeile im Buch zu lesen wert.
Das ruhig, überzeugend und auch mit überraschenden Einsichten vermittelt, wie eine öffentliche und allgemeine Höflichkeit das „Klima“ verändern könnte. Direkt.
Mit Ritualen, die Verlässlichkeit und Halt zu geben vermögen, ohne sich in reiner Pflichtübung zu erschöpfen.
Wofür es, privat wie öffentlich, schlichtweg Vorbilder braucht. Und Punkt.
Rezensent: Michael Lehmann-Pape
Autor: Raschendorf, P.
Titel: Die neue Höflichkeit
Verlag: Klett-Cotta 2026
ISBN: 9783608988833
M.Lehmann-Pape 2026
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