Was wäre, wenn der Ehemann mitten im Leben stirbt? Was wäre, wenn man meint, es war eine wunderbare Ehe in einem guten und nicht unerfolgreichen Leben? Und man müsste erkennen, dass eine Illusion wohl von der Witwe gelebt wurde?
Kate hat gerade den Schock des Todes ihres Mannes überwunden. Die Trauer ist noch stark. Sie kämpft, ins Leben zurückzufinden, ist viel zu Hause, sortiert sich. Und schaltet, natürlich, wie gefühlt die halbe Welt abends zu Netflix.
Und wenn schon überall die neue Serie von „der“ Autorin des Moments, Phoebe Mull in vieler Munde ist, dann wird das das Richtige sein, um auf andere Gedanken zu kommen.
Aber weit gefehlt, denn was Kate zunächst nur ahnt und dann beim „nicht mehr wegschauen können“ Minute für Minute wie harte Schläge erkennen muss, ist, dass diese Serie genau ihr Leben mit Jack widerspiegelt.
Mit einem Wissen um intime Kleinigkeiten, um Ereignisse, sogar einzelne Gespräche ihrer Ehe laufen eins zu eins vor ihren Augen im Fernseher ab.
Kate ist nicht dumm. Irgendwoher muss die Autorin all dieses innere Wissen bezogen haben. Kate braucht nicht lange, um davon überzeugt zu sein, dass Jack und Phoebe sich kannten. Sehr gut kannten. Überaus gut.
Und so beginnt eine wendungs- und spannungsreiche Geschichte. In der Kate Herrin über ihr eigenes Leben wieder werden will und Phoebe ebenso klar genau ihre Art der Erzählung, der Provokation, der intimen, realistische Geschichten als ihre Gabe und am Ende als selbstverständlich annimmt.
Und sich zu wehren weiß, auch wenn jemand Rache zu nehmen gedenkt.
Was kann sie dafür, dass Kate „alt“ ist (in Phoebes Augen), den Lauf der Zeit verpasst hat und nicht versteht, dass in der „neuen“ Welt persönliche Leben die besten Stoffe abgeben können.
Während Leser und Leserinnen noch hin und hergerissen sind zwischen Empöfung, Anerkennung der Chuzpe der jungen Drehbuchautorin, Mitleid mit Kate und ihrer harten Enttäuschung nun noch einmal obendrauf zu ihrer Trauer, entwickelt Lanchester eine Geschichte mit vielen Wendungen, welches auch Leser und Leserinnen hin und herzuwerfen vermag.
Wenig ist, wie es am Anfang doch so einfach erscheint. Es ist eben nicht nur Egozentrik und nackte Erfolgssucht, die Phoebe eiskalt antreibt, sondern vielleicht auch ein neues Verständnis der Welt und des Lebens und der Beziehungen.
Während Kate nicht altbacken agiert, sondern im Lauf des internen Kampfes teils zu Höchstform an intelligenter Planung aufläuft.
Auch wenn Lanchester in Teilen die Geschichte zu breit auswalzt und zu sehr in Details geht, die nicht unbedingt weitergeführt werden, lohnt es sich doch, aufmerksam zu lesen.
Denn so manche Nebensächlichkeit oder zunächst wenig interessant erscheinende Figur im Roman werden später durchaus noch Momente von Bedeutung haben.
Alles in allem eine interessante Fallstudie mit einem breiten Blick auf die Veränderungen althergebrachter Werte, die mit gewissen Humor und durchaus auch spannenden Szenen geschildert werden.
Rezensent: Michael Lehmann-Pape
Autor: Lanchester, John
Titel: Das habe ich wegen Dir getan
Verlag: Klett-Cotta 2026
ISBN: 9783608967265
M.Lehmann-Pape 2026



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