Stephan Schäfer Lebensbericht

Stephan Schäfer – Jetzt gerade ist alles gut

Stephan Schäfer Jetzt gerade ist alles gut Rezension : Lehmann-Pape
Ruhig und tief zu den Wesentlichkeiten des Lebens einladend
„Es handelst sich darum, alles zu leben. Wenn man die Fragen lebt, lebt man vielleiht allmählich, ohne es zu merken, eines fremden Tages, in die Antworten hinein“.

Dieses Zitat von Rainer Maria Rilke hat einen fadengebenden, prägenden Charakter für dieses autobiographische Erleben des Autors an einem Scheidepunkt seines Lebens, das kann man fürwahr genauso sagen. Und es ist schön, dass Stephan Schäfer Leser und Leserinnen auf seine ruhige Weise des Erzählens an existenziellen Momenten Anteil gibt. Auf denen sich, fast ohne es zu merken, allgemeingültige Antworten in den konkreten individuellen Geschichten aus „dem Leben danach“ vor Augen stellen.

Da lebt. Man gut und vermeintlich gesichert vor sich hin, Achtet auf sich, kommt gut zurecht beruflich und privat mit der geliebten Frau und den beiden Kindern. Packt gerade für den Urlaub, Nachts durchfahren, um am Morgen am französischen Atlantik Milchkaffee und Baguette zu genießen.

Okay, man hatte sich einige Tage zuvor in den Finger geschnitten. Tausendmal passiert, keine große Sache. Doch dann sieht der Finger plötzlich aus, wie aus einem Horrorfilm entsprungen. Und dennoch, ist ja nur ein kleiner Finger. Antibiotika und gut ist, oder?

Nichts da, Klinikum. Ein roter Strich vom Finger den Arm hinaus zum Herzen hin sich neigend. Hektik im OP. Und monatelang einen Verband und enge, medizinische Kontrolle. Haarscharf war die Sepsis. Um Leben und Tod ging es. Von jetzt auf gleich.

Diese Zerbrechlichkeit des Lebens, mitten im sportlich fitten und gesunden Leben erlebt, die etwas verändert.

Und zwar nicht die „ganz großen Dinge“. Nein, die Kraft dieses kleinen Buches ist größer. Denn es sind die kleinen Haltungen, die Stephan Schäfer entfaltet. Die Erinnerungen an Momente des einfachen Seins in einem heranwachsenden Leben, die Herausforderung, alleine schon die Gartenmöbel zum Herbst hinzu verstauen und gewahr zu werden, dass diese doch erst gestern im Frühling hervorgeholt wurden.

Tempus fugit. Merkbar. Und bewusst darin den Moment andres wirken lassen, als wie bisher unachtsam darüber hinwegzugehen.

Eine Erledigung bei der Schwiegermutter. Seit Jahren familiär vertraut, doch wer ist diese Frau wirklich? Und die Eingebung des Momentes überhaupt zulassen, diese beiden Klappfahrräder nicht schnell auch noch ins Auto zu werfen und „sich loszumachen“. Sondern zu verweilen. Und Kontakt zu finden zur alten Dame in ganz anderer Weise und Intensität.

Diese Niederlage sich eingestehen und Aushalten, den ehemaligen „Freund fürs Leben“ bei erlebtem „Ghosting“ nicht Auge in Auge aufsuchen zu können.

Die Freude an den kleinen Nachrichten übers Handy. Wo das ein oder andere Kind oder die Lebensgefährtin eine kleine Aufgabe hat, etwas fragt oder möchte. Und diese kleinen Nachrichten nicht mehr als lästig zu sehen oder im Vorbeigehen zu erledigen, sondern als eine Klebekraft des Lebens selbst zu erkennen.
Was an äußern Beschreibungen kaum die Tiefe und emotionale Kraft des Buches erfassen kann.

Dazu braucht es einer eigenen Lektüre. Die sich sehr, sehr lohnt. Wenn man auf einfach bewussten Momenten des alltäglichen und nur vermeintlich „kleinen Lebens“ plötzlich „eines fremden Tages“ bemerkt, Antworten schon längst gefunden zu haben. Ohne es bemerkt zu haben.

M.Lehmann-Pape 2026



Rezensent: Michael Lehmann-Pape
Autor: Schäfer, Stephan
Titel: Jetzt gerade ist alles gut
Verlag: Ullstein 2025
ISBN: 9783988160188

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