Wiener Düsternis
Alex Beer versteht es glänzend, das Genre des historischen Kriminalromans mit modernem Erzähltempo, düsterer Spannung, flüssigem Stil und nicht wenigen überraschenden Wendungen zeitgemäß zu erzählen.
Und da macht auch ihr neuestes Werk in der, bestens getroffenen, Atmosphäre der 20er Jahre in Wien keine Ausnahme. Im Gegenteil, es bestätig nur, was in ihren vorheergehenden Krimis bereits Standard geworden ist.
Zeiten im Umbruch. Armut und Bedrängung der „normalen“ Menschen allüberall in Wien 1923. Probleme, denen sich auch die „Großkopferten“ nicht einfach entziehen können, die zudem überaus wachsam auf die schnelle Erregbarkeit und auch Wut der „Massen“ zu achten haben.
Und dann verschwindet Veit Kolja. Ein Politiker der Stadt. In der Gegenwart. Ein Mann mit durchaus dunkler Geschichte in seinem vorhergehenden Leben, dass er möglichst „unter dem Radar“ führen wollte (mit wenig Erfolg).
Der Mann hat nicht nur „Dreck am Stecken“, sondern war ein „Dreckerzeuger“, soviel steht fest. Aber auch ein Mann mit Prinzipien und für jene, die ihm nahestanden, durchaus vertrauenswürdig und, manches Mal, eine Hilfe.
Was Inspektor August Emmerich auf den Plan ruft. Denn er war einer, der Kolja vertraut nahestand. In seinem siebten Fall muss er, wie hier und da zuvor, dafür einige Grenzen überschreiten und ebenfalls Vorschriften zumindest beugen, wenn nicht gänzlich ignorieren, Was auch für ihn bedeutet, vorsichtig und verdeckt vorzugehen. Denn Feinde, die hat in jener Zeit (und war das je anders) jeder. Auch Kriminalpolizisten.
Und das ominöse Verschwinden des Politikers bleibt beileibe nicht die einzige Herausforderung in und um diesen Fall herum. Morde geschehen. Und weisen in die Vergangenheit Koljas zurück. Rache? Ehemalige Konkurrenten, die noch Rechnungen offen haben? Oder neue Kräfte der Unterwelt, die Klarschiff machen wollen?
Und wieder gelingt es Beer nahezu spielerisch, nicht einfache Schablonen von Helden und Bösewichtern zugrunde zu legen, sondern überaus differenziert in ihrem Personal vorzugehen. Helle und dunkle Seiten, die finden sich auf allen Seiten der Medaille, dreckig und düstere Szenen spiegeln sich an der Welt der, immer noch, Reichen und Schönen. Die auch nicht immer das am Ende sind, als was sie zunächst erscheinen.
Und das alle in den Straßen und Gassen der einst berauschenden, glänzenden und sauberen Stadt Wien, die Krieg, Monarchie, Krankheiten, Hyperinflation, Verarmung und Hunger nun kennt und noch lange nicht wieder Boden unter den Füßen gefunden hat.
Und mittendrin August Emmerich, der auch als Figur viele der Facetten der Zeit in sich trägt, der auf dem Schwarzmarkt ebenso zu Hause ist wie im Kollegenkreis, der die Ellbogen ausfahren kann und auch skrupellos seinen Weg geht, wenn es nicht anders möglich ist.
Aber auch mitfühlend, klug, manchmal ebenfalls verzweifelt, sich in dieser Zeit in dieser Stadt behauptet.
Eine hervorragende Lektüre, die bestens unterhält und zudem unterrichtet.
Rezensent: Michael Lehmann-Pape
Autor: Beer, A.
Titel: Das dritte Grab
Verlag: Blanvalet 2026
ISBN: 9783764510220
M.Lehmann-Pape 2026


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