Annabel Abbs – Schlaflos
Ein anderer Umgang, wenn der Schlaf sich nicht einstellen will
Annabel Abbs – Schlaflos
Ein anderer Umgang, wenn der Schlaf sich nicht einstellen will
Zum einen, Schlafstörungen sind ein echtes Problem für den menschlichen Körper und Geist und nicht wenige, Millionen, von Menschen leiden darunter.
In keiner Weise sind Abbs Betrachtungen eine Verharmlosung dieser Störungen.
Die aber, wie auch vereinzelte „schlaflose“ Nächte (die jedem im Leben hier und da begegnen, in Abbs Augen viel zu oft nur darauf reduziert werden, am nächsten Tag den Preis im Alltag zahlen zu müssen, bis hin zur reinen Verkrampfung, nur noch um den Gedanken zu kreisen, schlafen zu müssen.
In einer anderen Hinsicht aber hat die Nacht, die „stillen Stunden“, die Ruhe der Welt, tatsächlich andere, kreativer Kräfte bereitliegen.
Und auch wenn Abbs sich in ihren literarischen Betrachtungen auf die weiblichen Wesen der Menschheit fokussiert, die gleichen Prinzipien gelten ebenso für Männer und so ergibt die Lektüre für jede Leserin und jeden Leser einen Gerwinn.
Wobei der „Start“ auch für Abbs selbst mit Angst und Abneigung gegen schlaflose Stunden begann, im Lauf der Zeit und ihrer Beschäftigung mit dem Thema auch an der eigenen Person aber in kreativer Weise auflöste.
„Zu meiner Überraschung wurden die Bewohner dieses seltsamen und unbekannten Ortes meine Weggefährten“.
Und damit sind nicht nur Sterne oder Insekten oder das nächtliche Geraschel draußen und das Knacken im Haus gemeint, sondern vor allem das eigene „Nacht-Ich“.
Das nicht nur „geistig oder geistlich“ eine anderen „Ebene“ darstellt, sondern nachweisbar körperliche und in der Funktionsweise des Gehirns bei Nacht eine andere Seite der eigenen Person nach vorne ins Bewusstsein schiebt.
Allein schon das ist interessant zu lesen und wir im weiteren Verlauf des Buches an mannigfaltigen, konkreten Themen mit konkreten Beispielen beleuchtet.
Erfinderisch, empfänglich, grüblerisch, wütend, neugierig, ruhelos, wild, ängstlich, aber auch waghalsig und mutig bis hin, in gewisser Weise, heilend reicht die Bandbreite dessen, was der Autorin an sich selbst und an biographischen Beispielen anderer Frauen auf ihre forschenden Reise begegnen.
Es ist kein „Lobgesang“ auf Schlaflosigkeit, eher eine Erkenntnis, dass „Schlaflosigkeit in meinen Augen keine Krankheit ist…, sondern der Versuch unseres Körpers, einem Verlust Ausdruck zu verleihen und den Mangel zu verstehen“.
Eine Erkenntnis, die auch Leser und Leserinnen im Lauf der Lektüre zu einer anderen Betrachtung eigener „Schlaflos-Erfahrungen“ verhelfen kann.
Was für Apps mit einer biteren, traurigen, scherhaften Erfahrung beginnt. Dem plötzlichen Tod ihres Vaters. Ein Ende im Leben. Das einen Anfang markieren wird.
„Wenn kein Leben mehr in uns ist, sind wir lautlos“.
Und damit gilt: „Jede echte Stille verweist uns unweigerlich auf unsere eigene Sterblichkeit“.
Angesichts derer, in der Stille der Nacht im Leben, ganz andere Gedanken, Emotionen, Erkenntnisse, vielleicht existenzieller Art, in der Nacht nahekommen.
Die im „lauten“ Alltag stillgestellt werden. Aber zentraler für das gesamte menschliche Leben im Kern sind, als jede äußere Tätigkeit.
Eine ruhige, erhellende, ermunternde, schmerzlich, immer aber gehaltvolle Lektüre. Auf jeden Fall für jeden, und jede, den und die es betrifft. Und für alle, die der oft fremden, eigenen inneren Welt näherkommen möchten.
Rezensent: Michael Lehmann-Pape
Autor: Abbs, Annabel
Titel: Schlaflos
Verlag: btb 2026
ISBN: 9783442776115
M.Lehmann-Pape 2026
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