Christien Brinkgreve – Ein Versuch, meine Liebe zu ordnen
Intensiv, aber auch anstrengend
Beide waren prominent, in ihrem Gebiet.
Sie als Professorin für Soziologie.
Mit, und das wird sie, wie dieses Buch zeigt, selber persönlich überaus betreffen, dem Forschungsschwerpunkt „Beziehungen“. Vor allem auch jene zwischen Männern und Frauen.
Und, vorweg gesagt, diese autobiographische Schilderung eines „wieder ins Leben Kommens“ zeigt auch auf, dass das, was man theoretisch sehr gut und professionell weiß, wenig davor bewahrt, im eigenen Leben eine sehr komplexe und durchweg auch belastete private Beziehung zu führen.
„Er hatte etwas Mysteriöses an sich, war schwer einzuordnen, was ich anziehend fand“.
Er, der mit ihr vielleicht das Akribische teilte, der sein Leben lang Listen führte, vielleicht, um sein Inneres „im Rahmen“ zu halten, war der immer neugierige, nach Neuem suchende, strebende, spontane.
Journalist, Moderator, Musikfachmann (immer das Neue dabei suchend), Filmkenner und manches mehr.
Vor allem aber depressiv (immer, stark dann in den Jahren des Ruhestandes im Blick auf den eigenen „Bedeutungsverlust). Und narzisstisch.
Schnell verstimmt.
Emotional durchsetzungsfähig, sprachlich wenig offen oder empathisch.
Wahrlich ein Mann, der erdrücken kann im Leben.
Und eine eigentlich kluge Frau, die, mehr als einmal, konstatieren muss: „Ich habe meine Grenzen nicht eingehalten“.
„Ich hatte nur wenig zu melden. Und das gefiel mir, seine Autorität entlastete mich in gewisser Weise“.
Aber das zieht sich eben durch. Im Blick auf die Kindererziehung, auf ihre eigene Person, ihr Gefühlsleben, das gemeinsame Leben, dass eben er mit seiner Art sehr bestimmte.
„Sie können ihn verlassen. Wenn Sie das nicht machen, müssen dafür sorgen, dass sie so wenig Schaden wie möglich nehmen“.
Ihn verlassen aber ist keine Option (und auch wenn Christiene Brinkgreve rationale und emotionale Gründe reflektiert anführt, am Ende verbleibt der Eindruck eines „sich schöngeredet haben“ und einer gewissen emotionalen Abhängigkeit doch stark im Raum der Lektüre).
Ein gemeinsames Leben, dass, als er stirbt, anhand des gemeinsamen Hauses ein perfektes Symbol für diese Beziehung ergibt.
„Der Grad der Verwahrlosung drang erst danach richtig zu mir durch“.
Eine Art „intellektuelles Messie-Haus“,
Bücherberge, Magazinstapel, gespiegelt von abgewohnten Räumen und Wänden.
Dieser Zustand und dessen Behebung zieht sich als roter Faden durch diese Zeiten nach dem Tod des Mannes, bis das Haus wieder „gesund“ und lebenswert am Ende wieder ein echtes Heim wird. Parallel zur Ordnung der eigenen Gedanken, Gefühle und Haltungen dem Leben gegenüber.
Ohne, und das ist wichtig, den leichteren Weg der Flucht zu gehen.
Das Haus und diese Beziehung ist existenzieller Teil ihres Lebens. Auch sie war beteiligt, hat diese Beziehungsform mitgestaltet, nicht nur zugelassen. Auch aufgrund ihrer Anfälligkeit gegenüber emotionaler Machtausübung und Manipulation.
Am Ende eine persönlich sehr offene Reflexion, in der manche und mancher durchaus eigene Strukturen erkennen könnte.
Nicht leicht zu lesen, sehr um sich (mühsam) kreisend, und damit anstrengend zu lesen. Bis hin dazu, dass eine echte „Abnabelung“ nicht stattfindet.
Rezensent: Michael Lehmann-Pape
Autor: Brinkgreve, C.
Titel: Ein Versuch, meine Liebe zu ordnen
Verlag: Hanser 2026
ISBN: 9783446285675
M.Lehmann-Pape 2026
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