„Es muss ein herrliches Gefühl sein, wieder frei zu sein“.
Mit Betonung auf das Wort wieder“.
Denn Birdie Keller war, mindestens, seit 18 Jahren innerlich mehr frei. Sondern belastet, traumatisiert, mit Gedanken und Gefühlen versehen, die sie seit „der Tat“ nicht einen Tag in Ruhe gelassen haben.
Die Tat vor 18 Jahren. Der ihre Schwester zum Opfer fiel.
Und er Mann, der schuldig war, ist und auch schuldig besprochen wurde, hat nun seine Strafe abgesessen. Seine juristische Strafe. Denn Birdie ist noch da. Und will persönliche Rache nehmen.
Für ihre Schwester und für sich selbst, denn der Mann war ihr vor der Tat nicht unbekannt. Im Gegenteil. Was alles noch schlimmer macht und als Schuld schwer auf ihr lastet.
Jetzt aber macht sie sich auf. Mit Planung, einem Ziel und einer Waffe. Ohne Rücksicht auf ihr gegenwärtiges Leben mit ihrem Mann und den zwei Kinder.
Doch so einfach ist dieser „Rache-Roman“ nicht gestrickt. Denn zum einen hat alles eine Vorgeschichte, die sich nicht als schwarz oder weiß, sondern mit vielen Schattierungen versehen herausstellen wird.
Und zum anderen hat Birdie selbst eine bewegte Lebensgeschichte in und mit ihrer Familie, wie sie auch psychologische und emotionale Tiefen in sich trägt.
Wobei auch der Täter im Roman nicht zu kurz kommt mit seiner Geschichte, die manches von Birdies Überzeugungen in Frage stellen wird.
Im Roman selbst wird „Die Jagd auf den Täter“, aber auch Teile der Familiengeschichten beider Personen und der Tat selbst aus wechselnden Perspektiven der beiden Protagonisten beschreiben. Die bei Leser und Leserinnen nicht selten zu überraschenden Einsichten führt und beide Personen griffig mit Leben versieht.
Prägungen der Kindheit begleiten das gesamte Leben, die soziale Einbettung ist Teil jeder Geschichte und Gefühle am Ende oft stärker als Vernunft und Einsicht.
So ergibt sich eine interessante und spannende Melange aus Ausweichen und Verfolgung, aus dem Versuch etwas wieder gut zu machen“ und dem Gedanken, ob „Strafen“ eine Form der Sühne tatsächlich darstellen können.
Mit einer überraschenden Wendung zum Ende hin noch und einer auftretenden Einsicht darin, wie gerne und schnell Menschen „vor anderen Türen“ den Besen schwingen, den eigenen Tritt vor der eigenen Tür aber geflissentlich und gerne ignorieren möchten.
Rezensent: Michael Lehmann-Pape
Autor: Stonex, E
Titel: Sunshine Man
Verlag: S.Fischer 2026
ISBN: 9783758700408
M.Lehmann-Pape 2026



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