Lukas Rietzschel – Sanditz
Kampf um Freiheit, Transformation und die Schwere des neuen Alltags
Das Anfangsbild des Romans bildet bereits das inne liegende, aus vielen Perspektiven und mitvielen Facetten erzählte Grundthema der Geschichte und Geschichten.
Wo ein Schwarm (merkwürdiger) Vögel dahergeflogen kommt, sich in der Luft bereits auflöst, die Form verändert.
Wo aus dem „einhelligen Krächzen menschliche Schreie“ werden und aus den „Schnäbeln Lippen“ bis „nackte Menschenkörper“ noch entkräftet auf dem Waldboden liegen.
„Schmerzvoll läuft diese Verwandlung ab“.
Wie die Verwandlung vom, „Aufschwingen zur Freiheit in den letzten Monaten der ehemaligen DDR.
Und nach der Anstrengung und nach den fiebrigen Wochen und Tagen dann ein Alltag einkehren wird, der über die Jahre (auch) einen „schmerzvollen“ Preis einfordern wird und nicht wenige zumindest ein stückweit verloren sein lässt.
Was Rietzschel am Ort „Sanditz“ und den vielen, empathisch und treffend ausgestalteten Protagonisten der Bewohner des kleinen Ortes in vielfacher Form und differenziert von „damals“ bis in die Gegenwart erzählt.
„Damals“ mit dem Zentrum auf die 80er Jahre bis kurz vor die Jahrtausendwende, in denen alles der Kontrolle und der industriellen Leistung untergeordnet wurde.
In denen aber auch findige „Schutzräume“ in den Kirchen und eng privat vorhanden waren.
Und der Jahre der Corona-Zeit Ende 2020 bis 2022, in der viel Zeit ist, dass „neue“ Leben am „alten“ zu spiegeln.
Wie man hineinrutscht in „alternative Welten“. Wie einer ein verblüffendes „Coming-Out“ erlebt. Wie eine innere Unsicherheit jeden begleitet.
Und ob alles gut werden wird, wie es zum Ende des Romans heißen wird, wenn Tom, der ehemalige Polizist, entlassen aus dem Dienst, als Freiwilliger in der Ukraine hofft?
„Seit drei Stunden sind sie im Graben, lehmverschmiert, frierend“ und mühen sich, der bleiernen Müdigkeit Herr zu werden.
Bis ein Scharfschütze zuschlägt.
Um dabei Mentalitäten und Lebensgeschichten miteinander um die frei männlichen Hauptpersonen herum zu verweben.
Das „listige“ durch den Alltag kommen müssen aus DDR-Zeiten noch.
Und das sich verloren fühlen in der neuen Welt“.
Von der harten Transformation, auch in Sanditz, vom Industrieort zum „Erholungsgebiet“.
Vom durchgehenden Beschäftigsein zum Leerlauf. Von den Mühen (und harter, entfernter) Arbeit der Nachwendezeit.
Im Mittelpunkt der Ereignisse der Jahre und Jahrzehnte steht die Familie Wenzel, aber auch viele Figuren mit ganz unterschiedlicher Historie am Ort.
Handwerker, „alte Knochen“ aus DDR-Tagen, Visionäre, die ihre Haltung aufrecht halten, nicht wenige „Frührentner“, die nicht alle vor Glück jubeln, „aussortiert“ worden zu sein und es steht, vor allem, die Transformation des alltäglichen Lebens durch die Zeiten im Mittelpunkt der Betrachtungen.
Menschen, die Lesern und Leserinnen nahekommen, weil sie bei allem Bemühen kaum einen wirklichen Platz in der Welt finden und aus dieser herauszudriften drohen.
Kein erhobener Zeigefinger, keine Postulate, keine Konzepte, wohl aber eine präzise und verständliche „Seins-Weise“ im Osten Deutschlands ist es, die diesen Roman gerade jetzt und hier so lesenswert macht.
Rezensent: Michael Lehmann-Pape
Autor: Rietzschell, L.
Titel: Sanditz
Verlag: dtv 2026
ISBN: 9783423285162
M.Lehmann-Pape 2026
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