Nikola Huppertz – Tage mit B.
Nähe und Distanz. Zum anderen und zu sich.
„Jeder Mensch will berührt werden. Man muss sich auflösen, Tag für Tag mehr, sich Leben und Tod überlassen. Es sei denn, man ließe sich berühren.
Bernadette („B.“) würde diesen Satz verstehen. Gut sogar. Denn intellektuell ist sie ihren 15 Lebensjahren weit voraus. Doch ob sie dies auch zulassen könnte? Berühren und berührt werden? Das ist die zweifelhafte Frage des Buches. Eine der wesentlichen Fragen.
Denn Bernadette ist nah, manchmal, und zurückstoßend, heftig, oft.
Wie sie überhaupt ganz anders ist, als andere Jugendliche in ihrem Alter.
Auch wenn alle mit der Pubertät zu kämpfen und zu schaffen haben.
Unsicherheit, Veränderungen, sich fremd fühlen im eigenen, merkwürdig vor sich hinwachsenden Körper.
Wovon Simon, 13, noch am Anfang des Prozesses der Pubertät (aber schon empfänglich für die Besonderheiten der Welt, die in seinen Blick gerückt werden) mehrere Lieder zu singen wüsste, würde er strikt und klar reflektieren.
Stattdessen aber ist auch mittendrin in dieser Lebensphase des Übergangs, in der alles neu, intensiv, anregend, aufregend, verunsichernd ist.
Wie Bernadette.
Die er zumindest räumlich eng kennenlernen wird, da sie auf einen Urlaub der Familie mitkommt. Was gut weinen Grund darin haben könnte, dass sie nicht nur „schwierig“ ist, sondern scheinbar gar nicht wirklich zu fassen, auch für sich selbst nicht.
„Wie auch immer: ihre Eltern waren fix und fertig, sie brauchten eine Auszeit“.
Nicht umsonst betitelt Huppertz ihr erstes Kapitel treffend mit dem Wort „Panzer“.
Was den langen Mantel angeht, den B. ständig in diesem hochsommerlichen Urlaub trägt.
Der auch nur ein Bild, ein Symbol für ihre innere Unzugänglichkeit, die Stachel ist, mit der sich Bernadette abzusondern weiß.
„B. war keine, die man einfach umarmen könnte“.
Aber eine, die sich vergräbt. Die grübelt. Die auf der Suche ist. In Büchern, die für Simon unzugänglich schienen. In Gedanken, die er nicht nachvollziehen kann. Zunächst nicht. Bis es, langsam, steig, anders als gewohnt, zu einem „vertraut werden“ zwischen den beiden Jugendlichen kommt. Was nicht „zutraulich“ meint, sondern erst einmal nur eine Ahnung dessen, was in B. vorgeht.
„Hauptsache wir wissen, dass das Lebendige noch irgendwo in uns steckt“.
„„Leben“, dachte ich, „tun wir doch immer. So lange, bis wir sterben“.
Was Simon einerseits materiell richtig erkannt hat.
Aber anderseits spirituell und im „Persönlichkeitssinne“ noch nicht so erfasst, wie B. damit kämpft. Aber Simon ist ja auch nicht der, der über das Maß hinaus „schwierig wäre.
Ein intensiver Coming of Age Roman, dessen Ende nicht vorhersehbar ist. Der sprachlich allein schon in Beschlag nimmt, weil Huppertz das, was innerlich vorgeht poetisch in Sprache zu übersetzen weiß. Und ein Roman, der über das jugendliche Alter hinausweist.
Denn wer weiß denn schon genau, wer er oder sie ist? Wo das eigene, echte, innere Leben zu finden ist?
Fragen, die das (eigentliche) Leben betreffen, die in späteren Jahren im Gewusel der Aufgaben, des Alltags, des Verlustes von Visionen und Illusionen und durch Ablenkung vom „Wesentlichen“ innen hin zum äußeren „Materiellen“ nur noch sporadisch zu spüren ist-
Aber dennoch existenzielle Antworten sucht und suchen wird. Dass einen „jemand berührt“.
Eine klare Lektüre-Empfehlung. In und für jedes Alter.
Rezensent: Michael Lehmann-Pape
Autor: Huppertz, N.
Titel: Tage mit B.
Verlag: Tulipan 2026
ISBN: 9783864296871
M.Lehmann-Pape 2026
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