Die „KI“ ist in aller Munde.
Keine andere Technik, vielleicht jemals, generiert solche immensen Kosten. Meist „auf Pump“.
Und sieht man sich die Börsenkurse der einschlägigen Firmen und deren Bewertung im Blick auf einen möglichen Börsengang an, so kann man konstatieren:
Die „Masse“ ist längst auf den Expresszug des technischen Fortschritts um jeden Preis aufgesprungen.
„Manche erheben diese Technik gar zur Religion“
Somit, „die neuen Möglichkeiten“ und die „Rendite“ bewegen scheinbar alles.
Natürlich gibt es mahnende Stimmen über die Folgen einer entfesselten KI.
Und erste Anzeichen von „Eigenständigkeit“.
Was den Fortschrittsglauben an sich und die Gewinnmöglichkeiten konkret kaum interessiert.
Was bisher nicht das Kernthema dieses schmalen, aber gehaltvollen Werkes von Rüdiger Sarfranksi darstellt, aber die oben erwähnte Haltung gründlich zu bedenken könnte sehr und sollte unbedingt eine Folge der Lektüre sein.
Denn wenn der menschliche Verstand von technischer „Geisteskraft“ eingeholt und überholt wird (ähnlich wie gerade ein humanoider Roboter den 100 Meter Weltrekord (menschlich) erkennbar verbessert hat, so steht dies auch für den Verstand und die geistige „Überlegenheit“ des Menschen im Raum.
Natürlich ist mit dem Titel des Buches eine vierte „narzisstische“ Kränkung des Menschen gemeint.
Nach der Erkenntnis, dass „die Welt“ nicht der Mittelpunkt des Universums ist (und schon gar nicht der je einzelne darauf lebende Mensch), dass der Mensch nicht „vom Himmel gefallen ist“, sondern auch nur ein Tier mit natürlicher Entwicklung darstellt und das zu guter Letzt der einzelne Mensch auch nicht „über sich selbst bestimmt“, sondern zum hohen bis höchsten Teil von inneren Kräften getrieben ist, die er kaum kennt und vorweniger derer er Herr ist.
Da passt das Bild gut, dass nun auch „von außen“ noch überholt werden könnte.
Durch „die Künstliche Intelligenz…..die imstande ist, den menschlichen Geist, der sie ersonnen hat, radikal in Frage zu stellen“.
Mit kluger Betrachtung und auf fundiert auf philosophischem Fundament geht Safranski die wesentlichen Bereiche dieser Infragestellung, aber auch der grundsätzlichen Verfassung des Menschen an und wird nicht müde, auf die „auf Totalität gerichtete Dynamik“ der Technik selbst, aber auch des besinnungslosen „Durchsetzens“ durch Konzerne, Start-Ups, Gewinnler und Technikhörige hinzuweisen.
„Erfahrung muss unser einziger Wegweiser sein. Die Vernunft kann uns in die Irre führen“ (Max Horkheimer).
Wenn es gelingt, Leser und Leserinnen diese Erkenntnis nahe zu bringen. Wenn zudem klar ist, dass die eigene Selbstzentrierung und die ständige Hoffnung auf „Erlösung von außen“ trügen und immer schon getrogen haben, dann würde vielleicht Technik vorsichtiger, mit schrittweisen Erfahrungen und im Wissen um die eigene Begrenztheit einen anderen, konstruktiveren Weg nehmen, der nicht in existenzielle Gefahren führt.
Und ebenfalls war es immer schon so, all jene, die sich „erhaben“ fühlten und Gefahren für „die große Masse“ gerne in Kauf nahmen im trügerischen Bewusstsein, dass „die Elite“ das eben im Griff haben wird, all jene sind am Ende ebenfalls überrollt worden von dem, was sie unbedacht entfesselt haben.
Auch wenn es oft ein Kampf gegen Windmühlen der Ignoranz und Selbstüberschätzung ist, dieser Erkenntnisfaden muss immer wieder aufgenommen und als Spiegel vorgehalten werden.
Rezensent: Michael Lehmann-Pape
Autor: Safranski, R.
Titel: Die vierte Kränkung
Verlag: Hanser 20206
ISBN: 9783446281776
M.Lehmann-Pape.2026


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